
McDonalds in Peking, die Bratwurst in New York und Sushi in Berlin – ist das schon kulturelle Globalisierung?
Nein, das ist die Internationalisierung der Esskultur – die allerdings „globalisiert“ wäre, wenn wir von Peking bis Berlin nur noch Bratwurst und Sushi als Alternative hätten. Globalisierung setzt auf solchen Trends auf. Auch im Bereich der Mode, Lebensstile oder Musik. Aber sie vereinheitlicht mehr die kulturellen Regeln des Lebens als seine Formen. Sie verändert und normiert unser Denken und Wissen – wenn wir nicht dagegenhalten.
Tritt kulturelle Globalisierung auch im Unterbewusstsein der Menschen auf?
In erster Linie haben ihre Effekte mit Ökonomie und Medien zu tun. Die Wirtschaft produziert Waren und sucht dafür den globalen Markt. Die Medien sind überall präsent, stellen die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit her. Das ist etwas qualitativ Neues. Allerdings steht die Frage: Wenn Jugendliche auf der ganzen Welt dieselbe Musik hören, denken und fühlen sie dann auch dasselbe? Bis heute gibt es keine aufschlussreiche Studie, die untersucht hat, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen Jugendliche im Zuge der kulturellen Globalisierung aufwachsen. Eine solche Untersuchung ist dringend notwendig.
Welche Rolle spielen Lebensbedingungen?
Die gleiche Musik oder derselbe Film wird in Shanghai stets anders aufgenommen werden als in Helsinki oder Berlin, weil das an lokale Erfahrungen und regionale Mentalitäten geknüpft ist. Insofern werden sich die verschiedenen Kulturen nie völlig angleichen. Aber es wird immer Prozesse der Annäherung geben, die wiederum neue Prozesse der Differenzierung auslösen. Kulturelle Globalisierung bedeutet nicht, dass es einen Einheitstypus von kultureller Konsumtion geben wird. Eher stellt kulturelle Globalisierung einen Balanceakt dar: Differenzierung und Angleichung laufen gleichzeitig ab. Es ergibt sich nicht einfach Vermischung oder Vereinheitlichung, sondern es entsteht etwas Neues.
Fördert kulturelle Globalisierung eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Fremden?
Unsere Begegnungen finden zunächst nicht mit dem Fremden, sondern mit dem Anderen statt. Wenn wir das Andere als das Fremde identifizieren, geben wir damit schon ein Urteil ab: Das sind nicht wir. Das Fremde ist eine klassische europäische Erfindung, die historisch Faszination wie Angst produzierte, insbesondere in der Begegnung mit außereuropäischen Kulturen.
Wann wird kulturelle Globalisierung zur Bedrohung?
Die Frage, die dahinter steckt, lautet: Wie reagiert der Mensch darauf, dass ihn die Medien mit dem Phänomen der kulturellen Globalisierung konfrontieren? Wird er im Restaurant oder im Supermarkt damit tatsächlich konfrontiert?
Wird er?
Im Alltag bislang wohl nur punktuell. Aber das Globalisierungsszenario wird natürlich ständig zitiert, von der Politik über die Kultur bis zur Börse. Und da muss sich der Einzelne entscheiden. Er kann die Erweiterung seines Gesichtskreises als Chance begreifen oder das Gegenteil tun. Beides hat Folgen: Weitung oder Reduktion von Horizont. Aber auch hier wird der Balanceakt von Differenzierung und Angleichung deutlich.
Welche Rolle spielen an dieser Stelle die Medien?
Sie diskutieren stärker die Bedrohung als die Chance, sie beschwören den Verlust des Eigenen - zum Teil natürlich zu Recht.
Der 11. September wurde von den Medien stets als negative und lebensbedrohende Auswirkung der kulturellen Globalisierung dargestellt.
In dieser Hinsicht ist der 11. September zur Ikone geworden. Weil die Attentäter eben nicht Leute waren, die abseits von westlicher Zivilisation ihre eigene Welt gesponnen hatten und sich ihrer Opfer selbst nicht bewusst waren. Nein, die Attentäter sind Kinder der Moderne, die zum Teil an deutschen Universitäten studiert und in deutschen wie amerikanischen Städten gelebt haben. Das ist für uns wohl das Verwirrendste daran.
Gibt es so etwas wie eine Faszination von kultureller Globalisierung im Alltag?
Zunächst gibt es eine starke Abwehrhaltung gegen alles, was von außen kommt. Daneben existiert jedoch auch ein lokaler Stolz darauf, dass hier und jetzt „die ganze Welt“ vorhanden ist. In den Straßen Berlins kann man inzwischen viele Sprachen und jeden Musikstil hören, Graffiteure kommen aus aller Welt. Die Moderne ist ins Dorf eingedrungen.
Könnte es einen neuen Versuch einer Weltsprache geben?
Der Trend ist klar: Englisch wird zunehmend Weltsprache. Dafür sorgen auch Musik- und Softwareprogramme. Dem muss man begegnen, sonst geht zu viel kulturelles Wissen verloren. Mehrsprachigkeit als gesellschaftliche Zukunft – wie längst schon in Schweden oder Holland.
Wie sieht der Mensch der Zukunft aus?
Das wissen wir zum Glück nicht. Aber eines ist sicher: Er wird weder biologisch geklont noch kulturell globalisiert sein. Alle Schreckenszenarien, die so gern ausgemalt werden, treten nicht auf. Denn die Lebenskontexte werden immer vielfältig bleiben. Kulturelle Globalisierung hat ihre Grenzen – selbst im Internet. Dort haben viele ihren medialen Hunger längst gestillt und weichen vom allumfassenden Netz zurück. Auf jeden Fall wird der Mensch der Zukunft jemand sein, der es nicht einfach hat, weil sich ihm viele Möglichkeiten bieten.
Wird der Mensch der Zukunft einsamer sein als heute?
Nicht einsamer als der Mensch der Vergangenheit. Aber es werden andere Bindungen entstehen. Viele Beziehungen waren früher Zwangsbindungen, die nicht in jedem Fall gewollt waren und Positives bewirkten. Heute sind wir in der Lage, Bindungen frei zu wählen, sogar sie aufzubauen ohne sie tatsächlich zu leben – etwa „im Netz“. Das macht Angst, ermöglicht aber gleichzeitig, sich selber darüber klar zu werden, welche Bindungen wir brauchen - sozial und emotional gesehen. Niemand wird künftig ohne Bindung sein. Die Frage ist nur, wieviel mediale Distanz zwischen den Bindungen liegt.
(Interview: Simone Schmollack; Berlin, August 2003)