Besonders für importabhängige Entwicklungsländer, die massiv unter den hohen Ölpreisen leiden, sind Bioenergien eine sehr interessante Alternative. Dabei haben nur wenige Länder mit grossen Landreserven und ausreichend Niederschlägen das Potential zu Exporten, für sehr viele wird jedoch ein relevanter Beitrag zur Importsubstitution möglich sein.

Generell ist unbestritten, dass Energiegewinnung aus Biomasse ein unverzichtbarer Bestandteil im Aufbau eines neuen, auf erneuerbaren Energien beruhenden Energiesystems und eine wichtige Waffe im Kampf gegen den Klimawandel ist. Die Schätzungen über die globalen Potentiale gehen aber noch weit auseinander. Mittlere Schätzungen gehen aber davon aus, dass langfristig vielleicht ein Viertel des globalen Primärenergiebedarf aus Biomasse gedeckt werden könnte. Dies wäre ein enormer Beitrag zu einer klimafreundlichen Energieversorgung.
Grosse Vielfalt
Bioenergie und Biotreibstoffe sind ein Überbegriff einer sehr großen Vielfalt von Anbau- und Verwertungssystemen. Dabei wird heutzutage meistens die Verwendung von gängigen Kulturpflanzen (Mais, Weizen, Zuckerrohr, Zuckerrübe, Raps, Palmöl) verstanden. Stärke bzw. Zucker werden in Alkohol, Öle in Biodiesel umgewandelt. Weitere wichtige Zweige sind die direkte Verfeuerung (Hackschnitzel, Stroh, Reststoffe) zur Wärmeerzeugung oder als Zuschlag in Kohlekraftwerken sowie die Erzeugung von Biogas, das ebenfalls zur Wärme- und Stromerzeugung wie auch als Antrieb für Fahrzeuge genutzt kann.
Für Biotreibstoffe sind mittelfristig zwei Herstellungswege interessant: Die Alkoholgewinnung aus enzymatischer Umwandlung von Zellulose sowie synthetische Treibstoffe aus Biomasse, die im sogenannten Fischer-Tropsch-Verfahren (BTL) gewonnen werden können. Diese neuen Verfahren können nicht nur die „reinen“ Ausgangsstoffe aus gängigen Kulturpflanzen verwenden, sondern auch gemischte Biomasse unterschiedlichster Herkunft. Im Gegensatz zum bisherigen Vorgehen wird die ganze Pflanze verwandt, nicht nur ein kleiner Ertragsbestandteil wie z.B. die Körner. Entsprechend ist der Energieertrag pro Hektar und die CO2-Bilanz des Prozesses natürlich deutlich besser.
Neue Chancen für den ländlichen Raum
Mit Bioenergie verbinden sich neue Aufgaben und damit neue Chancen für den ländlichen Raum. So setzen viele Kleinbauern im semiariden Nordosten Brasiliens große Hoffnungen auf Biodiesel, der für neue Einkommensquellen sorgen soll. Allerdings wird es von den politischen Rahmenbedingungen abhängen, ob diese Hoffnungen Wirklichkeit werden - oder ob der neue Bio-Energie-Markt ausschließlich von wenigen, großflächig wirtschaftenden Akteuren mit wenigen Arbeitskräften übernommen wird. Die Einführung eines „sozialen Siegels“ für Biodiesel aus kleinbäuerlicher Produktion in Brasilien ist ein interessanter Ansatz.
Auswirkungen auf die Umwelt
Der Wechsel von gängiger – konventioneller – Landwirtschaft für Nahrungs- und Futtermittel zum Anbau von Biomasse für energetische oder rohstoffliche Zwecke lässt in erster Abschätzung eher positive Umweltwirkungen am Standort erwarten. Auch das hängt jedoch in hohem Maß von dem konkreten Anbausystem bzw. der spezifischen Verwertungsform ab. Während konventioneller Nahrungs- und Futtermittelanbau mit hohem Aufwand an Bioziden den Ertrag ganz spezifischer Bestandteile (z.B. Körner) ausschließlich einer Monokultur von Kulturpflanzen (z.B. Weizen, Mais) optimiert, könnten Anbauverfahren für Biogas oder BTL, die Ganzpflanzen verwerten, mit hochertragreichen Mischkulturen arbeiten und den Einsatz von Bioziden minimieren.
Biomasse – wie verwenden?
Die aktuell für Deutschland erhobenen Ökobilanzen machen deutlich, dass hierzulande die Biomasse prioritär in hocheffizienter Kraft-Wärmekopplung für die Erzeugung von Strom und Wärme verwendet werden sollte. Die CO2-Bilanz ist hier deutlich besser als bei der Erzeugung von Biotreibstoffen. Bioäthanol aus Zuckerrohr ist allen aktuell verfügbaren deutschen Herstellungswegen in der CO2-Bilanz und hinsichtlich der geringeren Kosten weit überlegen. Das mag sich erst mit der Einführung von BTL ändern.
Aus diesem Sinn macht es ökologisch wie ökonomisch Sinn, Bioäthanol vorrangig zu importieren und die in Deutschland erzeugte Biomasse über Strom und Wärme zu nutzen. Der hochsubventionierte Aufbau einer deutschen Biodieselproduktion auf der Basis von Raps oder einer Bioäthanolproduktion auf der Basis von Zuckerrüben und Weizen hat auch mittelfristig keine Chance, ökologisch oder ökonomisch konkurrenzfähig zu werden.
Die rohstoffliche Verwertung von Biomasse als Ersatz für Öl in der Chemieindustrie muss auf Dauer nicht zwingend mit der energetischen Verwertung konkurrieren. Eine sequentielle Nutzung – zuerst als Chemierohstoff, dann die energetische Verwertung der Chemieprodukte – lässt beides vereinbar erscheinen.
Herausforderungen: Verdrängungseffekte
Die Entscheidung über Anbau von Bioenergie oder von Nahrungsmitteln wird letztlich von den Landwirten auf der Basis ökonomischer Kriterien entschieden. Bei rasch steigenden Ölpreisen konkurriert letztlich die Nachfrage des deutschen Porschefahrers nach Biosprit mit der Nachfrage armer Bevölkerungsgruppen nach Nahrung. Diese Konkurrenz wird auf den liberalisierten Weltagrarmärkten nicht nach moralischen Kriterien ausgetragen, sondern nach Maßgabe der zahlungskräftigen Nachfrage. Nur politisch gesetzte ökonomische Instrumente (etwa Subventionen, Steueranreize) werden hier ökonomische Ratio und moralischen Impetus zur Deckung bringen. Der Liberalisierungsdruck der WTO, der diese Instrumente perspektivisch eliminiert, ist vor diesem Hintergrund besonders problematisch.
Weiterhin ist klar, dass fruchtbares Land in Verbindung mit Niederschlags- bzw. Bewässerungswasser in der postfossilen Ökonomie in weit stärkerem Maß zu knappen, wertvollen Ressourcen wird. Nicht nur der Nahrungs- und Faserbedarf der Menschheit, sondern auch ihre Energie- und Rohstoffbedürfnisse werden in einem hohen Maß aus diesen Ressourcen befriedigt werden müssen.
Win-Win-Potentiale bestehen überall dort, wo Bioenergiepflanzen auf Flächen angebaut werden, die bisher als Ödland wenig nutzbare Biomasse produzieren. “Jatropha curcas”, ein auf extrem kargen Böden wachsendes Wolfsmilchgewächs mit hohem Ölgehalt, ist hierfür ein vielversprechendes Beispiel. Indien will Biodiesel auf der Basis von Jatropha in großem Stil produzieren. Dennoch sei auch hier vor möglichen Verdrängungen gewarnt: Was für den städtischen Ökonomen wie Ödland erscheint, ist häufig als marginales Weideland oder Quelle von Brennholz eine wichtige Ressource in der Überlebensökonomie der Ärmsten.
Potentiell grosse Gefahren drohen durch Bioenergienutzung den verbliebenen Regenwäldern. Sie sind die letzten wasserreichen Landpotentiale, die oft wenig monetarisierten Nutzen je Hektar produzieren. Bereits jetzt hat Indonesien die Anpflanzung riesiger Palmölplantagen für Biodiesel auf Kalimantan angekündigt. In ähnlicher Weise könnte die Rodung von Regenwald für Soja oder Palmöl in Amazonien beschleunigt werden. Letztlich wird dem wachsenden Druck auf die Regenwälder nur durch Gegendruck, d.h. die rechtliche und faktische Absicherung von Ansprüchen anderer, waldfreundlicher Nutzungsalternativen (Naturschutz, nachhaltige Forstnutzung) zu begegnen sein.
Teilziel Biotreibstoffe
Auch wenn die weltweit verfügbaren Bioenergiepotentiale voraussichtlich groß sind, so sind sie letztlich doch begrenzt und unterliegen sehr vielen konkurrierenden Nutzungsansprüchen. Ein „weiter so“ bisheriger Automobilisierung, nur auf der Basis von Biotreibstoffen, ist daher keine zureichende Antwort auf die Herausforderung zukunftsfähiger Mobilität im 21. Jahrhundert. Nur in Verbindung mit anderen Instrumentarien (Verlagerung auf ÖPNV und Fahrrad, neue Siedlungsmuster, hocheffiziente und leichte Automobile etc.) machen Biotreibstoffe Sinn als Teil einer neuen Mobilitätspolitik.
Auf das „Wie“ kommt es an
Bisherige Untersuchungen haben bereits deutlich gemacht, dass die verschiedenen Erzeugungs- und Nutzungsformen von Bioenergie sich ganz gravierend unterscheiden - hinsichtlich ihrer ökologischen, aber auch arbeitsmarktpolitischen und ökonomischen Auswirkungen. Es kommt daher in hohem Maße darauf an, den beginnenden Bioenergieboom zu fördern und zugleich in „nachhaltige“ Bahnen zu lenken. Kriterien für eine nachhaltige Bioenergieerzeugung und –nutzung müssen dazu ebenso entwickelt werden wie geeignete Steuerungsinstrumentarien.
Der internationale Handel mit Biotreibstoffen, der aus den o.g. ökologischen und ökonomischen Gründen wünschenswert ist, bietet zugleich einen interessanten Ansatzpunkt für die nachhaltige Gestaltung der Bioenergiemärkte. Dieser Markt wird in den kommenden Jahren von sehr wenigen Anbietern (Brasilien) und Kunden (Japan, EU, USA) beherrscht werden.
Diese Konstellation bietet – zusammen mit der aktuellen politischen Situation in Brasilien – relativ günstige Bedingungen für die Entwicklung und Vereinbarung von Nachhaltigkeitskriterien für Biotreibstoffe. Diese dürfen allerdings nicht auf der Zahlungsbereitschaft des individuellen Verbrauchers an der Zapfsäule ansetzen (wie bei Bioprodukten im Lebensmittelhandel), sondern müssen politisch vereinbart werden. Die WTO-Maßgabe der Nichtdiskriminierung von Produkten nach ihrer Herstellungsweise ist dabei ein großes Hindernis.
Jörg Haas ist Ökologiereferent der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin
LINKS zum Thema gibt es hier, Infos zu den Ergebnissen der HBS-Fachtagung zum Thema hier.
Das Global Issue Paper 21: Bio im Tank finden Sie hier.