Ronnie Hall, die Handels-Expertin von “Friends of the Earth”, stellt eins gleich zu Beginn der Diskussion klar. Bei den Diskussionen innerhalb der WTO über den Marktzugang für nicht-agrarische Güter, kurz NAMA, gehe es nicht etwa – wie man zunächst glauben würde – nur um Industriegüter. “Bei NAMA soll alles, was nicht unter Landwirtschaft oder Dienstleistungen fällt, verhandelt werden – inklusive aller natürlichen Ressourcen.” Forstwirtschaft und Rohstoffe würden ebenso verhandelt wie die Fischerei.
Wissenschaftler warnen, dass Natur und Menschen vor allem in Ländern mit bislang intakter Biodiversität gefährdet sind, wenn die Marktöffnungs-Agenda umgesetzt wird. Hall spricht von Belegen für unumkehrbare Folgen etwa für die letzten großen Waldgebiete. 13 Millionen Menschen sind weltweit formell in der Forstwirtschaft beschäftigt. Dazu kommen 50 Millionen, die vom Wald als Lebensraum abhängig sind – vor allem Naturvölker. Siebzig Prozent der Meeresfläche sind bereits heute ganz oder teils überfischt. Doch beide Fakten schlagen sich in den Verhandlungen, die in Hongkong geführt werden, nicht nieder.

Wie sich radikale Marktöffnung auf die Lebensweisen von Kleinfischern auswirkt, hat Antonio Tujan von der IBON-Stiftung auf den Philippinen erlebt. Seit zehn Jahren hat die Regierung in seinem Land den Fischfang weitgehend liberalisiert. “Früher hatten die Fischer die alleinigen Fangrechte in den flachen Küstengewässern, heute müssen sie sich diese Zone mit großen Fangflotten vor allem aus den Industrieländern teilen.” In weiten Teilen des Inselstaats haben die Fischvorkommen bereits dramatisch abgenommen, Kleinfischer fangen weniger und haben weniger zu verkaufen.
Doch das ist noch nicht alles. “Länder wie China, das seine Fischer jährlich mit gut 700 Millionen US-Dollar subventioniert, wirft Fisch zu Dumpingpreisen auf die lokalen Märkte und entzieht den lokalen Fischern damit ihre einzige Einnahmequelle.” Hintergrund sind die Zollsenkungen, denen sich die Philippinen schon in den 80er Jahren unter Druck der Weltbank unterwerfen musste. Solche Zollsenkungen wollen die Industrieländer im Rahmen der NAMA-Verhandlungen weltweit ausdehnen.

“Bei den NAMA-Verhandlungen wiederholt sich die Geschichte der Agrarverhandlungen”, bilanziert Andrianna Natsoulas von Food and Water Watch. Nahrung, Menschen, Natur seien nach WTO-Logik nur handelbare Güter. Kein Zufall, dass hinter den NAMA-Verhandlungen die gleichen treibenden Kräfte steckten wie bei der Liberalisierung des Agrarmarktes: Multinationale Konzerne aus den USA und anderen reichen Nationen, die mit dem neuen Markt Geld verdienen wollten. Die US-Amerikanerin hat in Mexiko ähnliches beobachtet wie Tujan in den Philippinen: Die Öffnung von Küstengewässern für die industrielle Fischerei habe für Familien, die teils seit Generationen vom Fischfang lebten, den Verlust der Lebensgrundlagen bedeutet. Hintergrund in Mexiko war allerdings nicht die WTO, sondern das nordamerikanische Freihandelabkommen NAFTA.
“Die Konsequenz muss sein: Fischerei, Forstwirtschaft und generell natürliche Ressourcen haben in keinem Handelsabkommen etwas zu suchen!” Um eine nachhaltige Nutzung der Natur auch in Zukunft zu garantieren, brauche es eigenständige Institutionen, die auch die Rechte der lokalen Bevölkerung mit einbezögen.

Doch stattdessen wird in den Hinterzimmern der Welthandelsorganisation schon über weitgehendere Maßnahmen beraten. In langen Listen sind “nicht-tarifäre Handelshemmnisse”, etwa Umweltauflagen, aufgezeichnet, die eines Tages ebenfalls in der WTO verhandelt werden könnten. Alleine 212 davon mit Bezug zu Umwelt und Naturschutz hat Ronnie Hall bislang gezählt. “Wenn wir WTO-Delegierte darauf ansprechen, wird uns einfach gesagt: Ach, das hat keine Relevanz, solche Listen dienen nur als Druckmittel in den Verhandlungen.” Doch Hall, die die Handelsszene seit Jahren verfolgt, ist skeptisch. Der Aufwand, der für die Erstellung der Listen getrieben worden sei, erscheint ihr zu groß, als dass die Pläne einfach nur in der Schublade verschwinden würden.
Die Diskussion “Nicht in unserem NAMA” im Rahmen des Böll-Forums hat am 14.12.05 in Hongkong stattgefunden. Weitere Veranstaltungen finden Sie in unserem Programm hier
Mehr Infos zum NAMA finden Sie in einer aktuellen Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung hier