Die Fachleute aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft beim 4. Weltwasserforum in Mexiko stehen vor einer gewaltigen Herausforderung: 1,1 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Mehr als 2 Millionen Kinder sterben jedes Jahr an verschmutztem Wasser.

Die konventionelle Antwort auf diese Herausforderung lautet seit vielen Jahrzehnten „Big Is Beautiful“. Regierungen, Weltbank und Industrie setzen zum Ausbau der Wasserversorgung in erster Linie auf die moderne Bewässerungslandwirtschaft mit grossen Dämmen, Wasserstrassen und Kanälen. So wurden in den vergangenen 50 Jahren mehr als 40'000 grosse Staudämme gebaut. Pro Jahr fliessen rund 20 Milliarden Dollar in solche Vorhaben.
Die Erfolgsbilanz dieses zentralistischen Ansatzes ist bescheiden. Moderne Bewässerungsanlagen steuern zwar rund ein Drittel der globalen Nahrungsproduktion bei. Doch die meisten Armen sind nicht in die modernen Wasserversorgungssysteme integriert und haben nicht das Geld, um die dort produzierten Nahrungsmittel zu kaufen.
Ghana, Paraguay, Sambia und Simbabwe besitzen einige der grössten Stauseen der Welt. Mit diesen Projekten wollten sich die Länder in einem gigantischen Kraftakt aus der Armut befreien. Doch die Armen profitierten kaum von diesen Investitionen. Zentralisierte Grossprojekte kommen hauptsächlich den Grossbauern auf den fruchtbarsten Böden, der Industrie und der städtischen Bevölkerung zugute. Die Mehrheit der Armen lebt nicht in den grossen Städte und fruchtbaren Tälern. Das „Epizentrum der extremen Armut“ bilden gemäss der UNO die mehr als 500 Millionen Kleinbauernfamilien. Sie leben zumeist abseits der modernen Bewässerungssysteme, der Stromnetze und der modernen Trinkwasserversorgung. An ihnen zielen die Grossprojekte vorbei.
Die Entwicklungsziele der UNO sehen vor, dass die Armut in der Welt bis im Jahr 2015 halbiert werden soll. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, braucht es eine grundlegende Neuorientierung der globalen Wasserpolitik. In deren Zentrum müssen zukünftig die ländlichen Armen stehen, die mit Regenfeldbau rund zwei Drittel aller Nahrungsmittel anbauen. Sie brauchen Unterstützung beim Bau dezentraler Wasserspeicher, beim schonenden Umgang mit Grundwasser und der Entwicklung von wassersparenden Anbaumethoden.
Die Weltbank behauptet, die Zeit der „einfachen und günstigen Lösungen“ im Wasserbereich sei vorbei. Nötig sei die Förderung von so genannten Hochrisikoprojekten. Diese Einschätzung geht völlig an der Realität vorbei. Es gibt zahlreiche technisch machbare, günstige und bewährte Alternativen, um den ländlichen Armen den Zugang und effizienteren Umgang mit Wasser zu ermöglichen.
- Im wasserarmen indischen Bundesstaat Rajasthan baut eine breit abgestützte soziale Bewegung Tausende von kleinen Staubecken, um die spärlichen Regengüsse zu speichern. Die Wasserspeicher dienen der Landwirtschaft und speisen das Grundwasser. Als Folge fliessen heute ganzjährig wieder drei Flüsse, die zuvor versiegt waren, und die Lebensgrundlagen breiter Bevölkerungsschichten haben sich verbessert.
- Die Organisation International Development Enterprises entwickelt (mit Unterstützung des Bundes und von Helvetas) günstige Tretpumpen. Diese erlauben Millionen von Kleinbauern, Grundwasser für die Bewässerung ihrer Felder einzusetzen. Die gleiche Organisation hat eine günstige Form der Tröpfchenbewässerung entworfen, welche Wasser direkt zu den Wurzeln leitet und damit rund die Hälfte des Wassers einspart.
- In mehr als 30 Ländern experimentieren Bauern schliesslich mit einer revolutionären Art des Reisanbaus, bei welcher der Reis nicht mehr permanent unter Wasser gesetzt wird. Die neue Methode erfordert mehr Arbeit, kommt aber mit einem Bruchteil an Saatgut, Wasser und Dünger aus und wirft grössere Erträge ab.
Lokale Wasserspeicher, Tretpumpen, die Tröpfchenbewässerung und die neue Methode des Reisanbaus setzen sowohl traditionelle als auch neue Techniken ein. All diesen Methoden ist gemeinsam, dass sie arbeitsintensiv, technisch einfach und billig sind. Die Tretpumpen kosten 25 Dollar, die Anlagen zur Tröpfchenbewässerung gerade mal drei Dollar pro Pflanzbeet. Ihre Herstellung erfordert keine importierten Technologien, sondern schafft lokale Arbeitsplätze. Externe Unterstützung braucht es hauptsächlich bei der weiteren Entwicklung von angepassten Technologien und ihrer Propagierung in ländlichen Regionen.
Paul Polak von International Development Enterprises schätzt, dass mit 20 Milliarden Dollar für angepasste Technologien im Wassersektor bis im Jahr 2015 100 Millionen Kleinbauernfamilien aus der Armut befreit werden können. Konventionelle Ansätze sind viel teurer. Die Wasserversorgung in Rajasthan kostet mit lokalen Wasserspeichern zwei Dollar, mit dem Narmada-Staudamm rund 200 Dollar pro Person. Die Bewässerung einer Hektare Land kostet durch das Narmada-Projekt 3800 Dollar, mit Tretpumpen 120 Dollar. Doch für Staudammprojekte stehen jedes Jahr rund 20 Milliarden Dollar zur Verfügung. Den angepassten Technologien haben die Weltbank und die meisten Regierungen bisher die kalte Schulter gezeigt.
Dezentrale, angepasste Ansätze in der Wasserversorgung sind kommerziell und politisch nicht sehr attraktiv. Sie werfen kaum Exportaufträge, politisches Prestige und Bestechungsgelder ab. Sie sind aber machbar und können die Armut wirksam reduzieren. Für die notwendige Neuausrichtung der Wasserpolitik braucht es bloss politischen Willen.
Peter Bosshard ist Policy Director beim International Rivers Network (IRN) in Berkeley/USA. Sein Meinungsbeitrag beruht auf dem neuen IRN-Bericht Spreading the Water Wealth: Making Water Infrastructure Work for the Poor.